Einsame Bucht im Südosten Mallorcas
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Verborgenes

Orte, über die man
nicht spricht.

East-Side-Magazin · Ausgabe 01 · Juni 2026 · 8 Min. Lesezeit

Es gibt eine Bucht im Südosten Mallorcas, die alles erklärt. Das Caló des Moro, eine schmale Felsöffnung mit türkisem Wasser, illustrierte jahrelang die Werbung der Insel — bis das Motiv sich selbst zerstörte. In der Hochsaison zählt die Bucht laut Mallorca Magazin geschätzt vier- bis fünftausend Besucher am Tag, die spanische Küstenbehörde rechnet mit knapp einer Million Badegästen pro Saison. 2024 bat Santanyís Bürgermeisterin Maria Pons öffentlich darum, die Bucht zu meiden; sie sprach von brutaler Abnutzung. Die Lehre ist einfach und unbequem: Ein verborgener Ort, der zum Motiv wird, hört auf, verborgen zu sein. Exklusivität, die sich veröffentlicht, existiert nicht mehr.

Die Orte, die folgen, sind keine Geheimtipps. Geheimtipps sind das Genre, das das Caló des Moro zugrunde gerichtet hat. Es sind Orte, die still geblieben sind, weil etwas sie schützt — eine fehlende Straße, ein Schutzstatus, ein gescheitertes Bauprojekt, eine Sackgasse. Man erzählt von ihnen leise. Oder gar nicht.

Die Währung heißt Zeit

Cala Màrmols. Wer diese Bucht erreichen will, zahlt in der einzigen Währung, die hier gilt. Vom Leuchtturm am Cap de ses Salines führt ein steiniger Küstenpfad rund fünf Kilometer durch unbebautes Land — keine Straße, kein Kiosk, kein Schatten. Nach anderthalb bis zwei Stunden öffnet sich zwischen marmorhellen Kalkklippen, die der Bucht ihren Namen geben, ein Stück Sand von kaum fünfzig Metern. Wer nicht gehen will, kommt mit dem Boot. Genau diese Unzugänglichkeit hat den Ort bewahrt: Die Cala Màrmols bleibt leer, weil sie sich nicht nebenbei besuchen lässt. Stille als Ergebnis von Entfernung.

Cala Varques. Zwischen Porto Cristo und Cales de Mallorca liegt eine Bucht, die der Bebauung entgangen ist: rund siebzig Meter heller Sand, gerahmt von Pinien und niedrigen Klippen, dahinter nichts als Macchia. Die Cala Varques gehört zum Schutzgebiet der Cales Verges de Manacor; es gibt kein Hotel, keine Bar, keine Toilette. Der Zugang führt über privates Land, vom verschlossenen Tor am Feldweg sind es etwa zwanzig Minuten zu Fuß. Taucher und Kletterer kommen wegen der Land- und Meereshöhlen. Wer früh am Morgen eintrifft, hat die Bucht meist für sich.

Cala Magraner, Cala Pilota, Cala Virgili. Östlich von Manacor reiht sich eine Küste, die aussieht, als hätte jemand vergessen, sie zu erschließen: drei unbebaute Buchten in Folge, keine Straße führt ans Wasser. Eine Rundwanderung von gut sechs Kilometern verbindet sie in etwa zweieinhalb Stunden. Die Cala Magraner zieht mit ihren fast senkrechten Felswänden Kletterer an, die Cala Pilota überrascht mit feinem Sand, den die Erosion über Jahrtausende aus Kieseln gemahlen hat, die Cala Virgili mit eigentümlich gezackten Felsformationen. Es gibt nichts zu kaufen und nichts zu mieten. Still geblieben sind diese Calas, weil das agrarische Hinterland privat blieb — und der Schutzstatus jede Erschließung beendet hat.

Geschützt, bevor die Bagger kamen

Naturpark Mondragó. Zwischen Portopetro und Cala Figuera schützt der Park seit Dezember 1992 rund 765 Hektar Küstenlandschaft: Pinienwälder, Feuchtgebiete, Dünen und drei Buchten — S'Amarador, Ses Fonts de n'Alís und das kleine Caló des Borgit. Markierte Wege führen durch Kulturland mit Trockensteinmauern hinunter ans Wasser; seit 1995 ist das Gebiet zudem europäische Vogelschutzzone. Im Hochsommer füllen sich die beiden Hauptbuchten, doch wer den Küstenpfaden folgt oder das Caló des Borgit aufsucht, findet auch dann Ruhe. Mondragó ist still geblieben aus einem einfachen Grund: Der Schutzstatus kam vor den Baggern. Hier wird nicht mehr gebaut, und das ist endgültig.

Es Trenc und die Salinen. Es Trenc ist kein Geheimnis, aber eine Anomalie: rund sechs Kilometer Sandstrand, hinter dem kein einziges Hotel steht. Möglich macht das der Schutzstatus — Strand, Dünen und das Feuchtgebiet Salobrar de Campos bilden seit 2017 einen Naturpark von knapp 1.500 Hektar Landfläche. In den Salinen, mit rund 150 Hektar die größten der Insel, wird bis heute Meersalz geschöpft; im Oktober und November stehen Flamingos im flachen Wasser. Wer im Herbst die Dünen entlanggeht, hört nur Wind und Vögel. Hier darf seit Jahrzehnten nicht gebaut werden — und wird es nie.

Cala Torta und Cala Mitjana. Nordöstlich von Artà wurde die Zeit angehalten, nicht aus Romantik, sondern aus Geldmangel: Geplante Hotelbauten scheiterten einst an fehlenden Mitteln und an der Wasserknappheit der Gegend; heute wird im Naturpark Península de Llevant keine Baugenehmigung mehr erteilt. Über der Küste kreisen Zwergadler und Wanderfalken. Seit 2018 ist die Zufahrt schrittweise beschränkt, seit 2024 für private Pkw weitgehend gesperrt — wer kommt, kommt zu Fuß, mit dem Rad oder per Shuttle aus Artà. Die Hürde wirkt: Selbst im August bleibt es hier leer. Stille, per Verwaltungsakt geschützt.

Über dem Meer

Cap de ses Salines. Am südlichsten Punkt der Insel endet die Landstraße vor einem weiß getünchten Leuchtturm von 1863 — dahinter nur Fels, Wind und das offene Meer bis zum Cabrera-Archipel. Kein Dorf, keine Bar, kein Souvenirstand: Das Cap ist das stille Ende Mallorcas, neun Kilometer hinter Ses Salines, umgeben von unbewohnter Küstenheide. Abends gehört der Sonnenuntergang denen, die den Weg auf sich genommen haben. Vom Leuchtturm beginnt zudem der Pfad zur Cala Màrmols. Still geblieben, weil eine Sackgasse keine Laufkundschaft kennt.

Castell de Santueri. Auf einem Tafelberg über Felanitx, 408 Meter über dem Meer, steht eine der nur drei Felsenburgen Mallorcas. Römer befestigten den Felsen zuerst, die Araber bauten ihn nach 902 zur kaum einnehmbaren Festung aus, die Krone Aragóns errichtete im 14. Jahrhundert die heutige Anlage. Eine schmale Stichstraße führt hinauf, der Eintritt kostet vier Euro, und oben gibt es nichts außer Mauern, Wind und einem Blick, der bei klarer Sicht bis Cabrera und Menorca reicht. Kein Café, kein Shop, keine Inszenierung. Eine Ruine ohne Gastronomie zieht nur jene an, denen die Aussicht genügt.

Santuari de Sant Salvador. Über Serpentinen windet sich die Straße auf den Hausberg von Felanitx, 509 Meter hoch — oben steht ein Kloster aus dem 14. Jahrhundert, gegründet in den Jahren der Pest. Bis 1992 lebten hier Mönche; heute kann man in den ehemaligen Zellen übernachten, einfach eingerichtet, mit Blick nach Süden aufs Meer. Der eigentliche Luxus beginnt am Abend, wenn die Tagesbesucher abgefahren sind: das Licht über der Ostküste, die Stille des Berges, ein Panorama von der Tramuntana bis zur Küste. Sant Salvador ist kein Hotel und will keines sein.

Ermita de Betlem. Neun Kilometer nordwestlich von Artà, am Ende einer schmalen Bergstraße, liegt eine Einsiedelei, die ihrem Namen bis heute gerecht wird. 1805 auf den Ruinen des Landguts Binialgorfa gegründet, lebten hier zwei Jahrhunderte lang Eremiten — bis die letzten Mönche 2010 altersbedingt fortzogen; Nachfolger fanden sich nicht. Geblieben sind die Kapelle, die Terrassen und ein weiter Blick über die Bucht von Alcúdia. Wer nicht fahren will, geht: Ein markierter Pilgerweg überwindet auf fünf Kilometern gut 250 Höhenmeter. Hier war nie etwas zu verkaufen — nur Abgeschiedenheit, und die verschenkt sich nicht.

Älter als alle Erzählungen

Ses Païsses. Südöstlich von Artà, auf einer Anhöhe unter alten Steineichen, liegt eine der bedeutendsten prähistorischen Stätten der Insel. Die talaiotische Siedlung war vom Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus bis etwa 100 v. Chr. bewohnt; im Zentrum steht ein über dreitausend Jahre alter Talayot von zwölf Metern Durchmesser, umschlossen von einer doppelwandigen Mauer von 364 Metern Länge, deren Fundamentsteine bis zu acht Tonnen wiegen. Man betritt das Gelände durch ein monumentales Steintor — und steht in einem Eichenhain, in dem es meist vollkommen still ist. Wer verstehen will, wie alt die Besiedlung dieser Ostküste ist, beginnt hier. Lange bevor jemand vom Westen sprach.

Eine Bitte zum Schluss

Das Caló des Moro hat gezeigt, wie schnell ein Ort verbraucht ist, wenn jeder ihn teilt. Die Orte auf diesen Seiten verlangen etwas — einen Fußmarsch, eine Nebensaison, einen frühen Morgen. Das ist keine Hürde, das ist der Punkt. Der Osten Mallorcas funktioniert wie ein gutes Haus: Die Tür steht nicht offen. Man wird eingeladen.

Quellen

https://www.mallorcamagazin.com/nachrichten/tourismus/2024/05/30/122313/hunderte-touristen-instagram-bucht-calo-des-moro-auf-mallorca-ist-jetzt-schon-uberfullt.html

https://www.suedwest24.de/ratgeber/reise/moro-ruhe-buergermeisterin-kritik-massentourismus-mallorca-touristen-instagram-bucht-calo-des-zr-93125036.html

https://www.naliblau.de/cala-marmols/

https://lieblingsinsel.net/wanderungen/wanderung-cap-ses-salines-cala-marmols.php

https://de.wikipedia.org/wiki/Cala_Varques

https://www.mallorcamagazin.com/service/urlaub-und-freizeit-auf-mallorca/strande-calas-buchten/cala-varques.html

https://www.ich-geh-wandern.de/cala-magraner-rundtour-traumhafte-buchten-bei-manacor

https://de.wikipedia.org/wiki/Cala_Virgili

https://de.wikipedia.org/wiki/Parc_natural_de_Mondrag%C3%B3

https://www.illesbalears.travel/en/mallorca/nature-park-mondrago

https://www.illesbalears.travel/en/mallorca/nature-park-es-trenc-salobrar-de-campos

https://de.wikipedia.org/wiki/Es_Trenc

https://de.wikipedia.org/wiki/Far_des_Cap_de_ses_Salines

https://www.mallorca-24hours.com/cap-de-ses-salines-der-suedlichste-punkt-mallorcas/

https://de.wikipedia.org/wiki/Castell_de_Santueri

https://visitfelanitx.es/de/cultura-patrimonio/castell-de-santueri/

https://de.wikipedia.org/wiki/Santuari_de_Sant_Salvador

https://klosterreisen.de/portfolio/kloster-san-salvador-mallorca/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ermita_de_Betlem

https://www.genau-meine-welt.com/wanderung-ermita-de-betlem/

https://www.mallorcamagazin.com/nachrichten/tourismus/2024/04/17/120751/neues-verbot-diese-buchten-auf-mallorca-durfen-nicht-mehr-mit-dem-auto-angefahren-werden.html

https://we-love-mallorca.de/cala-torta-arta-verbietet-zufahrt-zum-naturstrand/

https://www.mallorca-experte.net/ses-paisses/

https://en.wikipedia.org/wiki/Ses_Pa%C3%AFsses

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